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Andacht zu Jubilate

Votum/Begrüßung
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Jubilate feiern wir heute, liebe Gemeinde. Übersetzt: „Jauchzet“. Vielen ist wohl eher anders zumute. Da würde wohl er „Stöhnet!“ passen. Wobei, ich kenne schon Menschen, die die aktuelle Krise auch sehr positiv wahrnehmen. Wie auch immer wir die aktuelle Krise erleben, die Botschaft des heutigen Sonntags gilt uns allen. Dass wir ihr uns dieser Botschaft gemeinsam auf die Spur machen, dazu lädt Gott uns ein. Also: Schön, dass Sie dabei sind!

Psalm 118 (EG 801.10)

Auslegung zu Johannes 15, 1-2.4-5
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, die aktuelle Krise regt zum Nachdenken an. Bei vielen Mitmenschen spürt man das. Die einen ärgern sich über die Beschränkungen, die anderen freuen sich, dass es einfach ruhiger geworden ist, entschleunigt. Beeindruckt hat mich eine Aussage von Bundestrainer Jogi Löw. In den ersten Wochen von Corona hat er seine Gedanken und Gefühle so geäußert: Er habe das Gefühl, dass sich die Welt „ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und deren Tun. Der Mensch denkt immer, dass er alles weiß und kann. Und das Tempo, das wir in den letzten Jahren vorgegeben haben, das war auch nicht mehr zu toppen […] Machtgier, Profit, noch bessere Resultate, Rekorde standen im Vordergrund. Umweltkatastrophen haben uns nur so am Rande berührt, Krankheiten sind irgendwo stecken geblieben. Jetzt haben wir etwas erlebt, was die ganze Menschheit betrifft.“ (Jogi Löw)
Natürlich redet er insbesondere vom Fußball. Höher, weiter, schneller ist dort oft das Motto. Aber genau dieses Denken findet sich doch irgendwie überall. Nicht nur in der Wirtschaft, sondern bis hinein in unser Privatleben, Stichwort Konsum.
Stillstand ist für manche nur schwer auszuhalten; Weniger statt Mehr für viele eine Katastrophe – nicht nur für die Börsen. Unsere Gesellschaft – und in abgeschwächter Weise auch unser Privatleben – ist oft auf Wachstum ausgelegt. Und deswegen machen, schaffen und rackern wir.
Vielleicht kommt es aber gar nicht so sehr aufs „Machen“ an, sondern – ach hören wir doch einfach einen Auszug aus unserem heutigen Predigttext.
Johannes 15, 1-2.4-5
Jesus ist der Weinstock. Wir die Reben. Die Reben hängen am Weinstock, sind mit ihm verbunden. Und dieses Bild überträgt Jesus auf uns und sich: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Damit sagt Jesus doch: Das wahre Leben, das Leben, das Bestand hat, besteht nicht in eurem Tun und Machen, sondern darin, dass ihr in Beziehung zu mir bleibt!
In Beziehung bleiben ist das Entscheidende.
Wir merken das ja gerade, wie sehr uns unsere Beziehungen zu Familienangehörigen, zu Freunden und Bekannten abgehen. Oma und Opa dürfen ihre Enkel nicht sehen. Kinder weinen, wenn sie Oma und Opa nur über Skype sehen aber nicht umarmen können. Den Erwachsenen geht’s oft nicht viel anders. Wir leiden alle mehr oder weniger darunter, weil wir den Kontakt, die Beziehung zu anderen brauchen.
An mir selber merke ich es. Ich nutze fast schon penetrant jede sich bietende Möglichkeit zum Ratschen. Wenn jemand am Gartenzaun vorbeigeht, dann lechze ich förmlich nach einem Gespräch – und der und diejenige kommt mir auch selten aus. Und wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin und Menschen treffe und mit ihnen rede, dann kommt oft: „Papa, können wir jetzt endlich weitergehen? Du hast lang genug geratscht!“ Vielleicht geht’s Ihnen ja auch so. Und das zeigt doch, wie wichtig das Ratschen ist, wie wichtig es ist, dass wir in Beziehung zu anderen Menschen sein können.
Mein Eindruck ist: Genau das ist für viele Menschen das, was im Moment vielleicht am meisten bedrückt – neben all den wirtschaftlichen und finanziellen Sorgen, die natürlich auch viele plagen.
„Wer in mir bleibt und ich in ihm…“ Jesus meint, unsere Beziehung zu ihm ist das Entscheidende in unserem Leben.
In ihm sollen wir bleiben, also in Beziehung bleiben. Wie das geht? Ich würde sagen, so wie wir das im zwischenmenschlichen Bereich auch machen – wenn nicht grad Corona ist. Auf ihn hören, also sein Wort lesen oder es hören. Das Gespräch mit ihm suchen, also beten. Und von ihm zu lernen, um Orientierung zu bekommen, wie der Kollege letzte Woche richtig gesagt hat.
Dann bleiben wir in Jesus und er in uns. Dann bleiben wir in Beziehung mit ihm.
Und diese Beziehung zu ihm wird dann auch das bestimmen, was wir tun.
„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht…“ Was tun wir künftig bzw. was tun wir nicht? Welche „Früchte“ wollen wir bringen?
Für viele stellt sich dieser Frage grad ganz massiv. Wie geht es nach Corona weiter? Oder noch viel grundlegender: Was ist uns künftig wichtig? Geht’s auch nach Corona um höher, weiter, schneller? Oder geht es vielleicht grundsätzlich anders weiter?
Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke hat vor kurzem in Facebook ihre Gedanken geteilt. Sie hat geschrieben: „Ich würde aus dieser Krise gerne mitnehmen, dass man mit wesentlich weniger auskommen kann. Dass wir nicht wie die Irren durch die Welt fliegen müssen. Dass wir dankbar sind für das, was wir haben. Aber wir alle kennen die Menschen.“
In Anlehnung an Cornelia Funke würde ich sagen: „Ich würde aus dieser Krise gerne mitnehmen, dass wir für unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen dankbarer sind. Sie sind mindestens so wichtig wie ein gutes finanzielles Auskommen. Dass wir aber noch viel mehr die Beziehung zu Jesus brauchen und dass wir uns dafür viel mehr Zeit nehmen sollten. Für das Hören auf ihn, für das Lernen von ihm, für das Gespräch mit ihm. Dass dieses Bleiben in und bei Jesus uns heilsam verändern wird und dass auch unsere Mitmenschen merken werden, mit wem wir in Beziehung stehen. Ja, wir alle kennen uns und wissen, dass der Alltag und alte Gewohnheiten uns schnell wieder im Griff haben. Trotzdem würde ich all das gerne aus dieser Krise mitnehmen! Sie vielleicht auch. Und dann sind wir ja schon zu zweit oder zu dritt und viert. Amen.
Lied: KAA 076, 1-3
Gebet
Herr, unser Gott, wir bitten dich für alle, die nur schwer mit der Situation umgehen können, für alle, die verbittert sind über die Beschränkungen. Hilf ihnen die Situation zu ertragen, gnädig mit ihren Mitmenschen umzugehen. Lass sie die Hoffnungszeichen, die es auch gibt, wahrnehmen.
Wir bitten dich für die, die bisher wenig Berücksichtigung gefunden haben. Für Kinder und Jugendliche, die ihre Freunde vermissen, die sich nach Kindergarten und Schule sehnen. Schenke ihnen Kraft für die kommende Zeit und immer wieder auch Lichtblicke in ihrem anstrengenden Alltag.
Wir bitten dich für die, die in Seniorenheimen, im Krankenhaus und auf Palliativstationen liegen und keinen oder nur wenig Besuch empfangen dürfen. Stärke sie und lass Angehörige und Verantwortliche Wege finden, wie ihre Situation verbessert werden kann.
Wir bitten dich für alle, die gut mit der Situation umgehen können. Lass sie ihre Zuversicht an andere weitergeben und hilf ihnen, dass sie mit ihrem Optimismus für andere da sein können.
Wir bitten dich für unsere Politiker, dass sie weise Entscheidungen treffen, die dem Wohl aller dienen. Segne ihr Tun und Lassen. Hab Dank, dass sich viele mit großem Engagement für die Menschen und ihre Bedürfnisse einsetzen.
Sille
Herr, wir danken dir, dass du uns hörst. Amen.
Vaterunser
Vater unser im Himmel…
Segen
Es segne und bewahre uns der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Verfasser: Pfarrer Manuel Sauer